Januar 2011

 

Am 1. Januar geht es früh los zum Southbound Festival, beidem wir die nächsten 3 Tage und Nächte als pampered camper verbringen werden, d.h. wir haben zwei bereits aufgebaute Zelte samt aufgeblasenen Lumas gemietet und müssen uns später auch nicht um den Zeltabbau sorgen.


Bevor wir auf dem Festivalgelände eintreffen, stoppen wir auf der Farm in Boyanup, auf der Genja und Marc seit ihrer Abreise aus Perth arbeiten. Der Teilzeit-Farmer Mario und seine Frau Janine sind auch uns vieren gegenüber sehr gastfreundlich. Wir müssen selbstverständlich zum Lunch bleiben und können gegrilltes Känguru kosten. Es ist ausgezeichnetund Mario verspricht, uns mit frisch erlegtem Känguru zu versorgen, wenn wirauf dem Rückweg wieder vorbeikommen. Wir laden die beiden nach Perth ein und sind gespannt, ob sie uns bald besuchen kommen.

 

 

Das SOUTHBOUND  Festival ist bis ins letzte durchorganisiert und wir stellen fest, dass unsere Idee, tagsüber das Gelände mit dem eigenen Wagen für Tagestouren zu verlassen, nicht funktioniert. Alles,was man braucht, muss beim ersten und einzigen Gang vom Auto zum Campingplatz mitgenommen werden. Sämtliche Gepäckstücke werden penibel durchgesehen, denn es ist nicht erlaubt, Alkohol mit auf das Gelände zu bringen. Ähnlich wie schon beider Silvesterfeier in Perth ist auch hier der Konsum von alkoholischen Getränken auf ganz bestimmte Bereiche limitiert, für Jugendliche ausgeschlossen und für alle anderen so teuer, dass es erfreulicherweise kaum zu „Schnaps-leichen“ kommt.  

 

Beschallung beginnt am frühen Nachmittag, endet pünktlich um Mitternacht, die Bars schließen und alle Camper verziehen sich in ihre Zelte – für Kim und Janek mit mehrjähriger Lingener Abi-Festival-Beteiligung eine völlig ungewohnte Festivalerfahrung!  

 

Früh am anderen Morgen fahren im Minutentakt Shuttle-Busseins nahegelegene Busselton und die Sonne ist kurz nach Aufgang schon so heiß, dass man es im Zelt außerdem gar nicht mehr aushält. Auch wir fahren für ein paar Stunden an den Strand und suchen dort Schatten und Erfrischung!  

 

Am zweiten Festivaltag haben wir vier eine geführte Wine Tasting Tour (www.bushtuckertours.com) gebucht – etwas, was Holger und ich auf früheren Fahrten durch die Margaret River Region bislang verschoben hatten, da ja einer stets fahrtüchtig bleiben musste.  

 

Nun verlassen wir zu Fuß das Gelände, um von einem Tourbus aufgelesen zu werden. Gut gelaunt bringt uns Brian später zum letzten Konzertabend zurück. Mit rund 15 Personen haben wir 3 Weingüter, 2 Bierbrauereien und einen ziemlich schrägen Likörfabrikanten besucht, alles ausgiebig gekostet, Käse und Schokolade probiert und zum Lunch native foods gegessen: ein hervorragendes BushTucker mit Spezialitäten, wie sie die Aboriginals kennen (winzige, feste bush tomatoes, kangaroo meat, local spices, berriesand chutneys zu turkey and roastbeef ….und irgendwelche Schmetterlings-larven für die ganz Mutigen)

 

 

 

Für Kim und Janek war die Band ‚Public Enemy mit Flavor Flav‘ ein Partyhöhepunkt, bei dem sie in der ersten Reihe mitgetanzt haben, bis die Waden schmerzten  –  für Holger und mich eher ‚The Beautiful Girls‘ – und müde, matt und staubig brechen wir nach 3 Nächten in gemieteten Zelten auf Richtung  Albany.

 

Den sehr schönen Redgate Beach(!) haben wir südlich von Prevelly/Gnarabup immerhin wiedergefunden und später in Albany lediglich The Gap und Natural Bridge angesehen, bevoruns schier unerträgliche Hitze und sehr lästige Fliegen in Albany’s Historic Whaling Station fliehen lassen.  

 

Nach Besiedlung durch die Europäer im Jahre 1826 waren es zunächst die Timber-Industrie, dann bis 1978 einträglicher Walfang und Verarbeitung, was der Gegend Einkommen und Beschäftigung sicherten. Nach den Milchfarmern sind jetzt die Produkte der Weinbauern und die Touristen zum whale watching die wichtigsten Einnahmequellen dieser Region Westaustraliens.   

 

 

 

 

Ein heftiger Sturm kühlt die Temperaturen mittags unerwartet und  sofort um15° herab und selbst für Janek und Kim, die aus dem kalten Winter anreisten, sind eigentlich angenehme 23° plötzlich recht kühl.

 

Der einsetzende Regen kann Holger aber nicht vom Schnorcheln abhalten und seine Begegnung mit einem großen Rochenist ein tolles Erlebnis an einem ansonsten weniger spektakulären Tag.


 

 

Irgendwie ist ‚die Luft raus‘ und das Verlangen nach der heimischen Dusche und anderen Annehmlichkeiten größer als der Drang, so viel wie möglich bei diesem Trip ‚mitzunehmen‘.

 

 

 

Am Ende verging die kurze gemeinsame Zeit viel zu schnell und der Abschied von Kim und Janek fällt mir schwer .....

 

 

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Die ersten Nachrichten des neuen Jahres in Australien sind tragisch und geprägt von den dramatischen Überschwemmungen im Osten des Landes. Dort steht seit vielen Tagen ein Gebiet von der Größe Deutschlands und Frankreichs zusammen unter Wasser.


Nach Jahren der Trockenheit ist die verheerende Sintflut jetzt eine existenzbedrohende Katastrophe geworden für rund 200.000 Einwohner dieser Region unweit der ‚Sunshine Coast‘ in Queensland. Seit gestern sind die ersten Toten zu beklagen, nachdem eine unerwartete Flutwelle, die von offizieller Seite bereits als Inland Tsunami bezeichnet wurde, durch die Orte Grantham, Toowoomba und andere schoss, Menschen,  Autos, teilweise ganze Häuser einfach mit sich riss.


Vor mehr Regen und nicht nachlassendem Hochwasser wird für diese Region und auch für die 2 Mio Stadt Brisbane gewarnt. Das ganze Land steht unter Schock und den gesamten Vormittag wird von nichts anderem im Fernsehen berichtet!


Zur gleichen Zeit kämpft man 100 km südlich von Perth gegen einen ersten größeren Buschbrand, wo Regen dringend gebraucht würde. Nördlich von Perth hatte es vor dem Jahreswechsel Überflutungen gegeben. Klimatische Konditionen in Perth direkt sind dagegen verwöhnend, allerdings hat man nach dem sehr trockenen Winter und niedrigen Trinkwasservorräten die Bevölkerung hier zum sparsamen Verbrauch von Trinkwasser aufgefordert und strebt Einsparungen von 60 L Wasser pro Person proTag ein.


Die Flutkatastrophe in Queensland hat uns unerwarteten Besuch ins Haus gespült. Nadine und Ben wollten eigentlich Urlaub an der australischen Ostküste bei und in Brisbane machen, der dann im wahrsten Sinne des Worts ins Wasser fiel. Nach einer schlaflosen Nacht auf dem Flughafen Melbourne entschieden sich die beiden nach Perth umzubuchen und wir konnten ihnen einen ersten Unterschlupf bieten und den Einstieg in ihr spontanes Reiseziel erleichtern.  


Derweil haben sich die Überschwemmungen im östlichen Australien auf andere Bundesstaaten (New South Wales, Victoria, Tasmania) ausgedehnt, die Schäden allein in Queensland übertreffen alles, was das Land je gesehen hat. Dabei ist die Cyclone Season, die diese Unmengen von Regen mit sich brachte, noch nicht vorbei! Zahlen und Ausmaße dieser Katastrophe sind unvorstellbar und die Zeitung schreibt: Innerhalb von 72 Stunden fielen im südöstlichen Queensland zwischen 6,5 und 7,5 Milliarden Tonnen Wasser. Dieses Desaster stellt sowohl die Regierung als auch die ohnehin an viele Unwirtlichkeiten ihrer Heimat gewöhnten Australier vor immense Aufgaben in den kommenden Jahren. In den Zeitungen finden sich neben aktuellen Lageberichten bereits Appelle zur Hilfe und Unterstützung: What Queensland needs now is a flood of humanity.  

 

 

Diese Überschrift ist aus 'The Weekend Australian':

 

Nor fire or flood can kill the Aussie spirit:  

 

Aussie Aussie Aussie, Oi! Oi! Oi!

 

 

Am 26 Januar ist Australia Day und der beschert nicht nur Perth eine Fülle von Festlichkeiten -  dieser Stadt jedoch ausdrücklich das landesweit größte Feuerwerk zu diesem nationalen Feiertag, der auf die Gründung der ersten Strafkolonie am 26. Januar 1788 in der Bucht von Sydney zurückzuführen ist.  

 

Es wird an diesem Tag die Einheit aller Australier gewürdigt, was gerne optisch durch das Tragen nationaler Symbole verdeutlicht werden darf: Fähnchen für die Autos, Strandtücher, T-Shirts,Flip-Flops, Bikini und Badehosen mit dem Emblem der australischen Flagge gibt es reichlich und vielerorts zu kaufen.  

 

 

Wenn auch die Mehrheit der Bevölkerung einfach nur sehr viel Spaß an dieser Riesenparty haben will oder schlicht einen arbeitsfreien Tag genießt, so markieren einige indigene Bevölkerungsgruppen Australia Day eher als Survival Day (Tag des Überlebens), weil sie trotz der für sie folgenreichen Inbesitznahme durch die Briten nicht gänzlich ausgelöscht wurden.  

 

Es gibt auch Stimmen, die besagen, dass es erst dann einen wirklichen nationalen Feiertag geben wird, wenn man sich endgültig von der Britischen Krone gelöst hat. Mit dem bevorstehenden Treffen der politischen Führer aller Commonwealth Länder ( CHOGM = Commonwealth Heads of Government Meeting ) im Oktober 2011 in Perth und der Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton, die natürlich auch in Australien ein riesiges Medienereignis ist, wird es aber wohl so schnell nichts mit einer gänzlich neuen australischen Fahne, die den Union Jack möglicherweise ersetzt durch beispielsweise die Farben der Aboriginals: schwarz-rot-gold.

 

One big country, one big family, one big day ist das diesjährige Leitmotiv, dass die Massen auf die Straßen und zu den Attraktionen locken soll. Lange vor den verheerenden Fluten im Osten Australiens stand dieses Motto fest, wurde die Veranstaltung geplant und finanziert, sodass trotz kontroverser Diskussion dieses Ereignis wie geplant durchgeführt wird. Mehr denn je soll in diesem Jahr herausgestellt werden, was ‚Aussie Spirit‘  ausmacht: Zusammenhalt.


Nachdem die neuen OZ-Bürger in einer offiziellen Zeremonie ihren Eid geschworen und verdiente Australier geehrt wurden, gibt es ein buntes Unterhaltungsprogramm samt Flugschau, Motor Cycle Stunts, Oldtimer Parade, Fahrradrennen und Kinderbelustigung. Die ersten sichern sich schon früh am Vormittag einen Platz am Flussufer oder kommen mit ihren Booten, um vom Wasser aus zuzusehen.  

 

Lokale Bands unterhalten das Volk auf drei Open-Air-Bühnen und beim Picknick wartet man auf den Höhepunkt des Jahres: Ein halbstündiges Feuerwerk, das mittig über dem Swan River entzündet wird.  

 

Rund 300.000 Zuschauer werden erwartet, um am Flussufer oder vom besonders begehrten Beobachtungsplatz im Kings Park aus live dabei zu sein. In speziell ausgewiesenen Zonen und Zeitfenstern, ist der begrenzte Konsum von Alkohol gestattet und es ist viel Polizei präsent, um die Einhaltung dieser Anordnungen zu gewährleisten.

 

Ausgehend von 8 Pontons auf dem Fluss und 4 Hochhausdächern des CBDs werden rund 31.000 Feuerwerkskörper Skyline und Himmel von Perth verzaubern.  

 

Gemeinsam mit den beiden Franzosen Frédérique und Christophe und von mexikanischen Fajitas gestärkt, erleben wir zwei Deutschen unseren ersten AUSTRALIA DAY, verfolgen ein imposantes Feuerwerk vor unserem Balkon und sehen die Highlights später noch einmal im Fernsehen, gekrönt durch die wohl schönsten Aufnahmen aus einem Flugzeug heraus.   

 

 

 

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Derweil wird schweres Gerät in unserer unmittelbaren Nachbarschaft angefahren. Ein riesiger hydraulischer Kran wird zusammengesetzt und soll in den nächsten Tagen den längst ausgedienten Antennenmast demontieren helfen. Das ehemalige Gelände des Fernsehsenders ABC wird neu bebaut und wir sind direkte Zeugen von Abriss- und Neubauarbeiten zu einem 23-stöckigen Appartementkomplex. Viel Lärm und Staub begleiten diese Aktivitäten, aber es ist auch interessant, alles aus nächster Nähe mitzuerleben.  

 

Perth boomt

In seinem TV Bericht ‚Unbekanntes Westaustralien‘ sagt der deutsche Reporter Robert Hetkämper:  

 

Westaustralien ist geprägt von ungehemmter Gier nach Bodenschätzen und Exportprofit. Es ist Australiens Powerhouse. Hier wird mit der Ausbeutung und Export von Rohstoffen das große Geld verdient, während Australien in diesem Teil des Landes erst in Ansätzen vom Tourismus entdeckt ist.‘

 

Wir entdecken mit!


Holger + Biggi  

 

 

 

Februar 2011   

 

 

Traurig und betrübt ging der erste Monat im neuen Jahr zu Ende, denn Holgers Vater ist im Alter von 81 Jahren verstorben. Seine Kraft für eine erneute Stabilisierung hatte einfach nicht mehr gereicht. Die Trauerfeier führte uns zu einem kurzen Familienbesuch nach Deutschland und setzte alle Aktivitäten für eine Weile aus.  

 

Neben den Momenten der Trauer gab es aber auch viel Gelegenheit, mit der Familie zusammen zu kommen, Ninas und Christians tolle Wohnung in Essen und bei Rolf und Renate in Achim den genialen Dachausbau anzusehen.

 

Zufällig fliegen wir nach unserem Kurzbesuch in Deutschland wieder am 11. Februar nach Perth zurück  – genau 1 Jahr nach der ersten Anreise.  


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Perth wird von einigen Landsleuten im Vergleich zu anderen australischen Großstädten häufig als ein wenig provinziell und langweilig angesehen. Man kennt dafür sogar die Wortschöpfung perthy, bezeichnet damit die Eigenschaften dull and boring (eintönig und langweilig). Diese Einstellung können wir gar nicht teilen - auch ohne die Metropolen Sydney und Melbourne zu kennen.

 

Nicht nur während des Perth International Art Festivals (PIAF) wird Bewohnern und Besuchern viel geboten. Uns hatte dieses Festival schon 2010 gleich nach Ankunft in Oz schnell positiv eingestimmt auf weitgehend wetterunabhängige kulturelle Outdoor Aktivitäten.

 

Mit dem zweiten PIAF, das wir nun vor uns haben, kündigt sich wieder ein umfangreiches Programm internationaler Künstler aus Musik, Cabaret, Comedy, Theater und Film an, das in diesem Jahr mit dem deutschen Aktionstheater PAN.OPTIKUM und ihrer theatralisch-musikalischen Inszenierung Transition sicherlich eindrucksvoll unter dem Sternenhimmel von Perth eröffnet wurde.

 

In den (Sommer-) Monaten Dezember–März sind die Menschen hier natürlich noch mehr mit dem beschäftigt, was draußen stattfinden kann: Moonlight Cinema (Kino nach früh einsetzender Dämmerung an frischer Luft), Courtyard Music (Livemusik in öffentlichen Parks und Plätzen), Open-Air-Disco, Shakespeare in the Park, ihren unzähligen Segel- und Motorbooten und natürlich den allgegen­wärtigen Picknicks und dem entspannten Beach Life schlechthin.



 


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In meinem Zeichenkurs ist eine junge Frau, die Dokumentarfilmerin ist bzw. damit erfolgreich werden will. Das hat sie aber erst verraten, nachdem alle Frauen ganz zufällig, aber sehr lebhaft und anschaulich ihre chaotischen Erfahrungen mit ihrem jeweiligen Navigationsgerät für ihren PKW preisgegeben hatten.  

 

Bei der Gelegenheit erfuhr ich auch, dass viele australische Frauen ihr ‚Navi‘ Camilla nennen. Soviel zum Respekt vor der Britischen Krone! Wir haben über all diese - sicherlich in vielen Ländern ähnlichen Episoden - sehr gelacht. Es wurde erst stiller, als Maria offenbarte, dass sie diese Erlebnisse sehr gerne für ihre nächste Dokumentation verwenden würde ….  

 

Und noch etwas aus dem Sprach-Schatzkästchen: In der Malpause machten wir uns über die Haarmode der 80er Jahre lustig. Was in Deutschland als FOKUHILA-Frisur in die Analen einging,  hieß in Australien: mulletkeine Ahnung warum, denn mullet ist ein Seefisch und nicht die Abkürzung zum hair style:Business up Front, Party in the Back.

http://www.liketotally80s.com/1980s-hairstyles.html  

 

Haben wir – possibly very perthy – ein ‚BUFPIB‘- Comeback verschlafen – oder kommt das noch zusammen mit den schon wieder wachsenden Schulterpolstern???

   



 

 

 

 


 


 
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